Sir Tims neue Freunde

Die in Deutschland diese Woche am meisten ignorierte Nachricht über ein Thema mit globaler Bedeutung für das World Wide Web versteckte sich in einem auf den ersten Blick harmlos wirkenden Tweet des World Wide Web Consortiums (W3C).

Mit den knappen Worten "Motion Picture Association of America, Inc. joined W3C" verkündete man, dass die MPAA, einer der größten Feinde des offenen Webs, jetzt Mitglied bei jener Organisation ist, deren Aufgabe vorgeblich darin besteht, die Offenheit des Webs voranzutreiben und zu sichern.

Gefahr im Verzug

Bereits vor einigen Monaten sorgte bei Beobachtern der Standardisierungsprozesse die Nachricht für Aufregung, dass das W3C darüber nachdenke, einen Standard dafür zu entwickeln, sogenanntes Digital Rights Management (DRM) in HTML5 einzubauen. Also einen Werkzeugkasten zu schaffen, mit dem Websites Urheberrechte durch programmatische Methoden durchsetzen können, die nicht auf proprietäre Systeme wie z.B. Flash oder Silverlight aufbauen.

Nachdem die MPAA, schon lange eine lautstarker Befürworter von DRM, jetzt Mitglied beim W3C ist, wird sich ein immer stärkerer Druck von innen heraus aufbauen, diese verheerenden Maßnahmen auch wirklich zu implementieren.

Die von Sir Tim Berners-Lee verkündete Ratio hinter diesem Bestreben lautet so: Wenn das W3C keinen "offenen" Standard schafft, wird das Web sich aufspalten, da die Copyright-Maximalisten auf dem Schutz ihres sogenannten "geistigen Eigentums" bestehen werden und den Websites, die Content der großen Studios anbieten wollen, nur die Nutzung von Flash und anderen geschlossenen Darbietungstechnologien bleiben wird.

Diese Argumentation ist natürlich purer Unfug, denn DRM bedeutet immer nur eins: Dem Benutzer wird das Verfügungsrecht über seinen Computer radikal beschnitten, wenn nicht sogar vollständig entzogen. Zusätzlich werden Schnüffelprogramme installiert und der Datenverkehr wird überwacht, aufgezeichnet, und an die Inhaber von Urheberrechten gemeldet.

Es betrifft mehr als nur Flackerbildchen und Mucke

Die geplanten Eingriffe in die Offenheit des Webs gehen über Filme, Musik, Grafiken und Bücher hinaus. Auch die bis dato offen einsehbaren Quelltexte der Webseiten würden hinter verrammelten Türen verschwinden.

Konnte man bisher, minimales technisches Wissen vorausgesetzt, mit einfachen Mitteln überprüfen, was eine Website so in den Browser baggert, wird das nach Einführung von DRM nicht mehr legal sein. Jeder Betreiber einer Website kann dann dafür sorgen, dass man nur noch blind laden darf, was er einem so zumuten möchte.

Dieser Verlust an Offenheit bringt also gleichzeitig auch einen Verlust an Sicherheit. Will der Betreiber einer Website nicht, dass man sein stümperhaftes Javascript analysiert und auf Sicherheitslücken untersucht, so wird man die Analyse unter DRM nur noch mit dann illegalen Mitteln durchführen können, denn bereits heute steht die Umgehung von DRM in vielen Ländern unter Strafe.

Kreative Strategien müssen her

Organisationen, die Standards entwickeln, sind keine Parlamente. Petitionen wirken da nicht, und die Schädlichkeit ihres Tuns wird oftmals im Vorfeld übersehen.

Durch die besondere Struktur bei der Entwicklung von Webanwendungen geschieht vieles sukszessive und schleichend. HTML5 zieht bereits seit Jahren in kleinen Häppchen in die Rendering-Engines der Browser ein. Bis der Standard entgültig ausformuliert ist, werden ihn die meisten Anwendungen auch schon fast vollumfänglich implementiert haben.

DRM darf sich auf keinen Fall so durch die Hintertür in unsere Browser schleichen. Wie wir das verhindern können, sollte umgehend, breit und lautstark thematisiert und diskutiert werden.

Wenn wir diesen Angriff nicht abwehren, wird der MPAA das Web gehören. Und die sind, wie die Erfahrung zeigt, in ihren Forderungen noch maßloser als die NSA.

Weiterführende Lektüre

Bericht über die Entscheidung des W3C DRM zu implemetieren (enthält weitere Links)
MPAA schreit nach Root Kits

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About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
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