Stilblüten im Sicherheitstheater

Wie immer, wenn ein politischer Skandal die Geheimdienste und die sogenannte nationale Sicherheit betrifft, bewegt auch der derzeitige Bespitzelungsskandal die Politiker zu den obskursten sprachlichen Verrenkungen, und ermöglicht gleichzeitig Einblicke in erschreckende Abgründe der Dummheit bei den selbsternannten Beschützern unserer Nation.

Das Bundesinnenministerium (BMI), eine der treibenden Kräfte hinter dem schleichenden Abbau von Grundrechten im Namen der nationalen Sicherheit und des Krieges gegen den Terror, ist offiziell für den Schutz unserer "kritischen Infrastruktur" zuständig, wozu Flughäfen, Seehäfen, Bahnlinien und -stationen, sowie natürlich die gesamte Energieversorgung zählen.

Kommunikationslinien und deren Verbindungsknoten zählen offensichtlich nicht dazu. Wahrscheinlich, weil sie zum von der Kanzlerin letztens so bezeichneten "Neuland" des Internets gehören. Und das liegt ja nicht in Deutschland.

Das Frankfurter Kreuz des Internets

An einer kleinen Gasse in Frankfurt am Main, zwischen der Hanauer Landstraße und einer Fußgängerbrücke über die Gleise des Ostbahnhofs, steht ein mit gelblichen Kacheln verkleidetes Gebäude, auf dessen Dach sich ein Irrgarten von Satellitenantennen der unterschiedlichsten Formate befindet.

Unterirdisch, und somit unsichtbar für den aussenstehenden Beobachter, treffen in diesem Gebäude Glasfaserleitungen mit gigantischen Übertragungskapazitäten zusammen und sorgen Router und Switches dafür, dass die Datenpakete aus aller Welt den schnellsten und richtigen Weg finden.

Die knappe technische Bezeichnung für diesen Datenverschiebebahnhof lautet DE-CIX. Es ist der größte und verkehrsreichste Internetknoten der Welt, und neben seiner Funktion als Drehkreuz für den internationalen Datenverkehr, bietet er auch eine Auffahrt auf die Datenautobahn für die mehr als 600 autonomen Systeme der Finanzmetropole Frankfurt.

Angesichts dieser Tatsachen, und der mittlerweile zweifelsfrei festgestellten Bedeutung des Internets für die Volkswirtschaften unseres Planeten, sollte man meinen, dass DE-CIX ganz oben auf der Liste der "kritischen Infrastruktur" zu finden sein sollte. Doch weit gefehlt. Das BMI ist sich laut eigener Aussage vor laufenden Kameras und Mikrofonen noch nicht einmal sicher, ob DE-CIX überhaupt zur "kritischen Infrastruktur" zählt.

Der Audiobeweis [mp3] bei Zeitindex 42:15.

Wohlgemerkt, wir reden hier von eben jenem BMI, dass uns seit Jahren mit Horrormeldungen über sogenannte "Cyberkriminelle" überschüttet und dem wir den dümmlichen "Hackerparagrafen" zu verdanken haben. Es ist auch das BMI, welches uns immer mehr Überwachungskameras zumutet und in allen möglichen Bereichen Richtervorbehalte abschaffen will, damit Ordnungsbehörden leichter Zugriff auf unsere Daten bekommen können. Und all das im Namen der nationalen Sicherheit und des Krieges gegen den Terror.

Also genau diese Damen und Herren, von denen wir dauernd hören, wir müssten unsere Grundrechte einschränken lassen, damit sie uns besser "schützen" könnten, wissen ganz offensichtlich noch nicht einmal was sie schützen sollen. Nur, dass zum Schutz dessen, von dem sie nicht einmal wissen was es ist, der Verzicht auf Grundrechte notwendig sei, das wissen sie genau.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht. Ich jedenfalls würde mich sicherer fühlen, wenn diese gemeingefährlichen Trottel nicht mehr für unsere Sicherheit zuständig wären.

Die Bundestagswahl bietet eine gute Gelegenheit, diesen untragbaren Zustand zu ändern.

Nachtrag

Wie zu erwarten war, ist dem BND im Gegensatz zum BMI die Bedeutung des DE-CIX natürlich wohl bekannt, und er wird von ihm auch kräftig angezapft.

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About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
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