Wo die Drossel jetzt schon singt

Ich wohne auf dem Land. Hier gibts Natur pur, frische Luft, Wälder, Seen und tolle Wanderwege. Schnelles Internet gibts leider nicht.

Auf unserem Hypothekenhügel bietet die Telekom „bis 16 Mb/sec“, was in der täglichen Realität mehr so auf 2 – 4 Mb/sec hinausläuft. An stillen, späten Abenden auch mal auf 12 Mb/sec. Das wars aber dann.

Upstream erfolgt, wie bei allen ADSL Anschlüssen für Endverbraucher, über ISDN Kanalkoppelung und ist somit bei 128 kb/sec gedeckelt. Eine Email mit einem etwas größer geratenen Anhang kann da schon mal mehrere Minuten brauchen, um sich Richtung Server zu schleichen. Trotzdem beneidet mich mein Freund aus dem ca. 1km entfernten Nachbardorf um diesen Anschluss, denn dort eiert die maximale Downstream-Geschwindigkeit so zwischen 400 und 761 kb/sec hin und her.

Als vor ca. 2 Jahren unsere lokalen Politiker endlich begannen, die Bedeutung des Internets für das Wirtschaftswachstum zu begreifen, traten Sie in Verhandlungen mit verschiedenen Netzanbietern, um den Ausbau in unserer Region voranzutreiben. Die Antworten aller Anbieter kann man selbst bei bestem Willen nur als Erpressungsversuche klassifizieren.

In unterschiedlichsten Formulierungen verkleidet liefen alle Antworten auf den selben Forderungskatalog hinaus: Monopolstruktur und Umsatzgarantie, gekoppelt mit einem Zuschuss der öffentlichen Hand in sechsstelliger Höhe pro Gemeinde, womit sich jede Investition in den Netzausbau bereits nach einem Jahr amortisiert hätte.

Während einige Gemeinden einknickten und mitspielten, steckten die anderen die Köpfe zusammen und tüftelten einen alternativen Plan aus. Im Rahmen einer Partnerschaft zwischen einem Hardware-Anbieter und den Landkreisen soll jetzt eine öffentlich-rechtliche Gesellschaft Glasfaser verbuddeln und den ISPs Durchleitungskapazitäten verkaufen.

Fertiggestellt, wenn überhaupt, wäre das Projekt pünktlich zum Beginn der Drosselung durch die Telekom. Bis jetzt ist allerdings alles noch im Vorplanungsstadium und könnte auch noch platzen.

Was bedeutet Netzgeschwindigkeit für die Menschen der Region?

Wie immer, für jeden äußerlich betrachtet etwas anderes. Also teilen wir mal auf.

Industrie, Handel, Handwerk, Gewerbe

Wir sitzen hier in unserer schönen Landschaft mitten in einem sogenannten Kompetenzcluster. Im hiesigen Fall ist es hoch spezialisierte Metallverarbeitung wie z.B. Formen- und Werkzeugbau, Heißkanaltechnik, Baubeschläge der Luxusklasse, Heizungs- und Klimatechnik. Auf manch einem winzigen Dorf sitzt hier ein kleiner, feiner Weltmarktführer.

Für die großen Mittelständler ist es kein Problem, sich ihre eigene Glasfaserleitung mit SDSL zu leisten. Der Formen- und Werkzeugbauer mit 15 Mitarbeitern kann das aber nicht. Große Datenmengen muss er trotzdem bewegen können, denn viele Auftraggeber sitzen in mit Breitband verwöhnten Ländern wie Korea oder Japan, wo selbst private Haushalte mit 100 Mb/sec angeschlossen sind. Diese Kunden denken sich nichts dabei, mal schnell eine CAD Datei von mehreren GB auf die Reise zu schicken.

Für viele der kleineren Unternehmen auf den Dörfern bedeutet die hiesige Lage nach wie vor Technik aus der Steinzeit. Nämlich eine ISDN Karte, welche die 24 B-Kanäle eines S2M Anschlusses parallel nutzen kann, um so wenigstens auf ca. 1 Mb/sec zu kommen. Faktisch gesehen läuft das darauf hinaus, dass Datentransfers nur ausserhalb der Geschäftszeiten stattfinden können, damit der Telefon- und Faxbetrieb nicht gestört wird.

Auch ausserhalb der Metallbranche stoßen Gewerbetreibende allenthalben an die engen Grenzen des hiesigen Netzes.

Da ist z.B. die letzte am Ort verbliebene Druckerei, die ihre Aufträge dem Zeitgeist entsprechend immer öfter per Email empfängt. Was jedesmal einen oftmals riesigen Anhang in Form eines belichtungsfähigen PDFs bedeutet. Selbst für einen Kleinauftrag wie eine Visitenkarte werden bei 300 DPI schnell mal 2,5 bis 3 MB fällig. Mit ausgefallenen und deswegen eingebetteten Schriftschnitten kanns auch mal mehr werden. Große Aufträge wie z.B. mehrseitige Broschüren in hoher Auflösung knacken ganz schnell die Multi-Gigabyte Grenze.

Am anderen Ende der schon jetzt quälend langsamen Leitung sitzen die, oftmals als Einzelkämpfer tätigen, Grafikdienstleister der Druckvorstufe, welche nach den neuen Regeln der Telekom nun bald wieder zum zeitraubenden Turnschuh-Netzwerk zurückkehren dürfen und Sondermüll in Form von DVDs durch die Gegend transportieren müssen. Die maximale Datenmenge eines 16 Mb/sec Anschlusses ist nämlich mit zwei oder drei aufwändigen Broschüren bereits erreicht.

Muss so ein Monster wegen der einen oder anderen Korrektur mehrfach hin- und her wandern, dann ist für diesen Monat Schluss mit High-Speed.

Auch die kleine Gemeinde der Internet-Dienstleister darf nun bald jeden Monat bang auf den Gigabyte-O-Meter starren. Auch hier sind viele Anbieter Einzelkämpfer oder Kleinbetriebe, für die ein kostspieliger Firmenanschluss ohne Mengenbegrenzung unbezahlbar und unrentabel wäre.

Kann der Anbieter aus der Druckvorstufe notfalls noch auf das Turnschuh-Netzwerk zurückgreifen, so ist das für einen Anbieter, der z.B. maßgeschneiderte CMS Lösungen anbietet, unmöglich. Die Daten müssen über den Draht, ob es der Mengentarif noch hergibt oder nicht. Ein voll konfiguriertes Virtual Machine Image einer WordPress Installation inkl. LAMP oder WAMP Stack bringt ganz schnell 12 GB auf die Waage. Selbst eine reine WordPress Installation im Rahmen von "Shared Hosting" wiegt je nach Konfiguration zwischen 2 und 3 GB

Bietet dieser Dienstleister seinen Kunden auch Betreuung des Angebotes nach der Installation, so werden in regelmäßigen Abständen Datenbanken zu sichern sein, um z.B. Beschädigungen durch Fehler bei Update-Programmen vorzubeugen. Die Datenbank einer sehr aktiven WordPress, Drupal oder Typo3 Site wächst schnell in den Gigabyte Bereich und muss jedesmal mindestens in eine Richtung über den Draht. Geht was schief, muss sie auch wieder re-installiert werden.

Aus der Sicht der kleinen Gewerbetreibenden mit direktem Internetbedarf können die Pläne der Telekom also nur als existenzbedrohend bezeichnet werden.

Die Zukunft der privaten Nutzung

Laut Telekom soll die vorgesehene Obergrenze für ein sogenanntes "normales" Surfverhalten ausreichen. Was "normal" genau beinhalten soll, wird allerdings nicht dezidiert vorgerechnet.

Spekulieren wir also einmal über die Normalität im Internet.

Dank der immer weiteren Verbreitung schneller Anschlüsse schwinden bei den Anbietern von Angeboten im Web auch die früher selbst auferlegten Einschränkungen beim Gewicht der dargebotenen Seiten. Webseiten, die beim ersten Aufruf mal schnell 1 – 2 Megabyte über den Draht schaufeln, sind leider keine Seltenheit mehr. Die hauseigene Website der Telekom samt ihrer Sub-Domains zählt z.B. zu diesen fettleibigen Machwerken und würde bei einem gedrosselten Anschluss ca. 3 Minuten benötigen, um sich ins Fenster des Browsers zu quälen.

Wer zu den, erstaunlich zahlreichen, Kunden der T-Online zählt, die ihr @t-online.de Mailkonto über die Website aufrufen, darf dieses Martyrium dann mehrmals am Tag über sich ergehen lassen.

Dann sind da noch die immer stärker genutzten Cloud Dienste. Vom reinen Speicher-Backup bis zu all den Dies-oder-Das-als-Service Angeboten. Ob man seine iTunes Verzeichnisse synchronisiert oder bei Adobe online schnell mal rote Augen aus den Konfirmationsfotos entfernen lässt, jedesmal gehen umfangreiche Datenmengen übers Netz. Und besonders Media-Dateien werden immer größer.

Als die digitale Fotografie für Endverbraucher begann, betrug die Speichergröße eines Bildes ca. 250 KB. Mittlerweile gibt es Kameras, die bei höchster Auflösung Bilder von 10 MB und mehr erzeugen. 100 Urlaubsbilder aus so einer Kamera wiegen dann 1 GB. Einmal in die Cloud und zurück kosten dann schon 2 GB.

Auch bei den bewegten Bildchen aus privater Produktion zeigt die Tendenz nach oben. Die Camcorder bieten immer höhere Auflösungen und die Dateigrößen wachsen mit. Auf Mediasharing Plattformen wie YouTube oder Vimeo tauchen bereits die ersten Amateur Videos in 1080p FullHD Qualität auf. In diesem Format gehen abhängig vom benutzten Codec zwischen 30 und 35 MB pro Minute Spielzeit über den Draht.

Podcasts und Videoblogs sind auch schon lange kein exotisches Hobby hipper Geeks mehr, sondern erfreuen sich breiter Beliebtheit. Nicht nur auf der Konsumseite, sondern auch und gerade als Outlet für Heimproduktionen aller Art. Es werden also immer mehr und immer hochwertigere Mediendateien zu bewegen sein.

Natürlich werden diese Aktivitäten nicht zu 100% den Markt penetrieren und einige wirkliche Wenig-Nutzer wird es bestimmt immer geben. Die "normale" Nutzung des Internets in 2016, wenn die Drosselpläne der Telekom greifen sollen, wird allerdings eher dem Profil "Vielnutzer" als dem Gegenteil entsprechen.

Die unselige Diskussion über die Infrastrukturkosten

Wie weiter oben schon erwähnt, haben wir ja hier anlässlich der Versuche der Kommunen, an schnelleres Netz (oder überhaupt erst an DSL) zu kommen, bereits erlebt mit welcher Kaltschnäuzigkeit und Abzockermentalität die Netzanbieter zur Sache gehen. Wer bei 100%iger Übernahme der Ausbaukosten durch den Kunden von einem „Zuschuss“ spricht, der lügt bestimmt auch anderswo.

Tatsache ist: die Vorhaltekosten für eine Netzwerkinfrastruktur entstehen, ob sie genutzt wird oder nicht. Wer also Internetzugang mit hohen Geschwindigkeiten anbieten können will, der muss diese Fähigkeit unabhängig von bestehenden Buchungen in sein Netz einbauen und das unternehmerische Risiko tragen. Schließlich kann es ja auch passieren, dass alle Kunden die Zusatzpakete buchen wollen und dann mit gutem Recht auch die volle Geschwindigkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit einfordern.

Das bedeutet: Der weitere Ausbau der Netze wird nicht wegen einiger "Vielnutzer" nötig, sondern ist eine unternehmerische Notwendigkeit.

Zusammengefasst kommt heraus: die Telekom lügt wie gedruckt und nutzt verfälschende Rechenmodelle.

Eine Warnung zum Schluss

Die Telekom PR arbeitet unermüdlich daran, eine Neiddebatte zwischen Viel- und Wenignutzern anzuschieben und leider fallen einige Leute, darunter auch sogenannte "Netzpolitiker" einiger Parteien, auf diesen perfiden Trick herein.

Sprüche eines hessischen Grünen mit dem Tenor „Wer vielt nutzt soll auch viel zahlen.“ lassen einerseits auf eine ziemliche Verwirrtheit bei diesem Menschen schließen, müssen andererseits aber auch als politische Warnsignale ernst genommen werden.

Wenn der Druck auf Telekom und Politik Bestand haben soll, dann ist es wichtig, mit Oma und Opa-verträglichen Argumenten bei jeder Gelegenheit Überzeugungsarbeit zu leisten. Sonst sehen wir uns bald alle auf der Kriechspur oder in den ummauerten Gärten der "Managed Services", während die restliche Welt auf dem offenen Superhighway davon eilt.

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About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
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