Jagdszenen aus dem digitalen Hinterwald

Jetzt haben wir es also. Das überflüssigste Stück Gesetzgebung der Legislaturperiode, genannt “Leistungsschutzrecht„, kurz LSR.

Überflüssig, weil es

  1. nichts schützt, das nicht bereits durch andere Gesetze geschützt wäre.
  2. Rechtsunsicherheit in einem Umfang schafft, der zwangsläufig zur Entstehung einer unkontrollierbaren, zwielichtigen Abmahnindustrie bisher nicht dagewesenen Ausmaßes führen wird.

Tja, und dazu auch noch überflüssig, weil Deutschland eigentlich keine weitere Reklame dafür benötigte, dass man hier ein digitales Hinterwäldlertum pflegt, das einer hoch industrialisierten, selbsternannten High-Tech Nation unwürdig ist.

Dieses Gesetz verkündet laut und deutlich, dass unsere Presseverlage keine Ahnung vom Internet haben, ihre technische Beratung offensichtlich bei unterbelichteten "Consultants" kaufen, und sich im Zweifelsfall lieber auf klagesüchtige Anwaltskanzleien denn auf IT Fachleute verlassen.

Es ist nämlich eigentlich ganz einfach: Was von mir nicht bei Google et al auftauchen soll, das taucht dort auch nicht auf.

Das fängt beim RSS Feed an und hört bei für die Indizierung gesperrten Verzeichnissen auf. Denn, oh Wunder, das böse Google hält sich akribisch an maschinenlesbare Anweisungen in Websites, vorausgesetzt natürlich, diese maschinenlesbaren Anweisungen existieren auch.

Wie das genau funktioniert, dokumentiert Google sehr ausführlich …

Beispiel 1 – RSS

In RSS, einem XML-Format, gibt es den Strukturtag description, der für eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes eines einzelnen feed items gedacht ist. Wie gesagt: kurze Zusammenfassung. Dort wäre also der artentypische Platz für das tantiemenfreie Textschnipsel, das der Verlag im Web erlauben würde.

Im typischen deutschen Zeitungsfeed finden wir dort aber (fast immer) den gesamten Artikel samt Bildern und anderen eingebetteten Mediendateien und oft auch Scriptlinks auf Werbung. Ein Feed Aggregator steht also nach Verabschiedung des Gesetzes vor dem Problem, aus diesem Sumpf von Verschmutzungen, den die Zeitungen da ins Netz spülen, nur die LSR-kompatiblen Fetzen herauszufiltern.

Wir haben also jetzt ein restriktives Gesetz, samt beigepackter Rechtsunsicherheit, das bei Standard-konformem Verhalten der Verlage überflüssig wäre.

Beispiel 2 – Suchmaschinen

Suchmaschinen beschäftigen fleißige kleine Helfer, die man Crawler, Spider oder Robots nennt. Der bekannteste ist der Googlebot.

Diese Programme sind, soweit sie von den großen etablierten Suchmaschinen stammen, sehr wohlerzogen und halten sich akribisch an einen standardisierten Satz maschinenlesbarer Anweisungen, die im Quelltext von Webseiten und der Datei robots.txt bereitgestellt werden können.

Besonders die Anweisungen in robots.txt können einen Suchmaschinenroboter sehr zielgenau durch eine Site führen, bzw. von Verzeichnissen fernhalten, deren Inhalt man nicht in den Indizes der Suchmaschinen sehen möchte.

Wer also dem Googlebot nur Zugriff auf Verzeichnisse mit ganz kurzen Textschnipseln gewähren möchte, kann das mit ein paar gut strukturierten Anweisungen bewerkstelligen.

Natürlich müsste man sich dazu von seinen teilweise steinzeitlichen, in irgendwelchen dubiosen "Softwarehäusern" zusammengeschmierten, Content Management Systemen trennen und auf etwas moderneres aufrüsten, das feinkörnige Robotersteuerung und Inhaltstrennung erlaubt.

Im Klartext: LSR wäre unnötig, würden unsere Presseverlage nicht von denkfaulen, zurückgebliebenen, geldgierigen Dinosauriern geführt.

Vielen Dank, liebe Koalitionsparteien, dafür, dass Sie uns wieder einmal vor aller Welt blamiert haben, mit einem Gesetz, das in die Welt hinausposaunt: „Deutschland, Heimat der digitalen Hinterwäldler!“.

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About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
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