Besitzstandsängste und Überwachungsstaat

Was dabei herauskommt, wenn sich ein von Besitzstandsängsten zerfressener, kleingeistiger Nutznießer öffentlich-rechtlicher Pfründe in die Diskussion über Netzkultur und Urheberrechte einmischt, zeigt dieser Artikel von Niki Stein im Feuilleton der FAZ, dem man mit dem Verdikt „Thema verfehlt“ wohl noch schmeicheln würde.

Neben einer langatmigen Selbstbeweihräucherung, dem üblichen Gejammer über den langen, steinigen Weg zum Erfolg, und einem Sammelsurium von mangels Berechnungsgrundlagen nicht nachvollziehbarer Zahlen, wie man es aus der Propaganda der Verwertermafia kennt, enthält der Artikel dann noch das hohe Lied der Technophobie, mit der man in gewissen Kreisen deutscher Bildungsspießer offensichtlich gerne kokettiert.

Das wars dann aber auch schon. Zukunftsweisende Denkanstöße für zeitgemäße Verwertungsmodelle sucht man in dieser Schreibe nämlich vergebens. Von einem selbsternannten Geistesarbeiter und Urheber hätte man dann doch mehr erwartet.

Es sind die Vertriebswege, Dummerchen!

Als notorischer Nachtarbeiter und Dokumentationsjunkie bin ich begeisterter Konsument der Kanäle PHOENIX, arte und 3sat und ein Fan der Beiträge öffentlich-rechtlicher Auslandskorrespondenten, die sich in deren Archiven aufgestapelt haben.

Alle diese Arbeiten wurden von öffentlich-rechtlichen Anstalten produziert und mit GEZ-Gebühren finanziert. Warum ist also keines der Archive öffentlich und durchsuchbar?

Warum kann ich meinen Freunden nicht einfach einen Link auf ein Streamingangebot mit den rauschhaften Bildern aus Sibirien schicken, die Klaus Bednarz während seines russischen Exils produzierte?

Warum können deutsche Schulen und Universitäten nicht durch einfache Suche im Netz diese öffentlich-rechtlichen Dokumentationen finden und zu erträglichen Konditionen herunterladen, um damit Unterricht und Lehre anzureichern?

Warum kann ich meine amerikanischen Freunde nicht auf die Dokumentationen von ARD und ZDF über den schmutzigen Unterbauch der USA verweisen, die dortige Hochglanz-Kommerzkanäle niemals senden würden?

Ich möchte nicht kostenfrei auf eine von Herrn Steins Tatort-Folgen voller magerer Plots und dünnblütiger Charaktere zugreifen können, oder Raubkopien von irgendwelchen durch ein ZDF-Komitee verbrochenen Pilcher-Schmonzetten herunterladen.

Ich möchte vielmehr, dass man den Deutschen zu vernünftigen Konditionen Zugriff nach Wunsch und Bedarf auf ein durch ihre GEZ-Gebühren mitfinanziertes Archiv hochwertiger journalistischer Beiträge ermöglicht.

Und ich möchte, dass junge kreative Menschen aus diesem Material lernen können und es für Mashups einsetzen dürfen, ohne dass sie vorher ein Jurastudium mit Fachrichtung Urheberrecht absolvieren müssen, um nicht in irgendwelche Kosten- und Kriminalisierungsfallen zu laufen.

Dazu fände ich es unglaublich toll, wenn ich meine im amerikanischen Duty Free legal erworbenen DVDs auf meinem ebenso legal erworbenen deutschen DVD-Spieler anschauen könnte, ohne für grenzlegale Veränderungen am Gerät zum Lötkolben greifen zu müssen.

Und genauso sehen es auch alle anderen Menschen, die den Forderungen der Content-Industrie und Verwertermafia nach immer mehr Überwachung im Netz entgegentreten.

Wäre Herr Stein so intelligent und belohnenswert kreativ, wie er es offensichtlich von sich glaubt, dann würde er das auch begreifen und sich und dem Publikum solche kurz- und uneinsichtigen Hetztiraden wie den Artikel in der FAZ ersparen.

Der Unterschied zwischen Generalverdacht und Cookies

Schön für Herrn Stein, dass er so gewissenhaft mit seinen Daten umgeht, wie er es in seinem Artikel beschreibt.

Allerdings scheint er, wenn ihm blinde Wut die tippenden Finger führt, zu ignorieren, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen staatlich verordneter Vorratskriminalisierung und den von ihm als "Trojaner" diffamierten Cookies, die Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Online-Händler auf den Rechnern der User hinterlassen.

Die im Rahmen der Vorratskriminalisierung gesammelten Daten kann er nämlich nicht einfach nach Abschluss einer Internetsitzung löschen, denn die liegen auf einem Server, über den der Löschbefehl seines Browsers leider keine Jurisdiktion besitzt.

Die von der Content-Industrie und den Verwerterkartellen geforderten Maßnahmen, wie die sogenannte Deep Packet Inspection (DPI), würden aber genau auf diese durch den User nicht mehr kontrollierbaren, unlöschbaren Datenspuren hinauslaufen.

Unser Land wurde schon einmal zum totalen Überwachungsstaat und die Kleinbürger und Bildungsspießer klatschten getrieben von kleingeistigen Besitzstandsängsten Beifall. Herrn Steins Artikel erinnert verdächtig an die Rechtfertigungsschreiben aus dieser unheilvollen Zeit.

Raubkopie, Fair Use und Zensur

Mal abgesehen davon, dass die von den Verwerterkartellen in die Diskussion geworfenen Bezifferungen ihrer Verluste und volkswirtschaftlicher Folgeschäden der "Piraterie" bereits mehrfach von hochkarätigen Betriebs- und Volkswirtschaftlern als blanker Unfug ohne nachvollziehbare Berechnungsgrundlage entlarvt wurden, wird die Debatte noch zusätzlich dadurch verkompliziert, dass die Content-Industrie immer nur von Raubkopien und illegalen Downloads spricht, aber nie vom eigenen Versagen bei der Erarbeitung zeitgemäßer Regelwerke und Vertriebskanäle.

Auch das vollkommene Versagen der Artist & Repertoire Abteilungen der Musikindustrie beim Erkennen und Aufspüren der formativsten Trends der vergangenen 30 Jahre wird gerne verschwiegen.

Stattdessen übt man sich als Verfechter von Big Brother Gesetzen, die hauptsächlich der Vertuschung des eigenen Unvermögens dienen.

Wenn ich in Deutschland eine von Amateuren erstellte Reportage über Grafitti in Chernobyl nicht sehen darf, da die GEMA das 1 Minute und 20 Sekunden lange Werk auf YouTube sperren lässt, weil es zum Zweck der Persiflage als Hintergrundmusik eine Melodie eines GEMA Mitgliedes einsetzt, die der korrupte Atomkonzern Areva als Werbejingle nutzte, dann ist die Grenze zur Zensur überschritten.

Das gleiche gilt für einen amerikanischen Animationsfilm, dessen Autorin sogar den Erwerb der Nutzungsrechte von den Urhebern nachweisen kann. Was die GEMA aber offensichtlich nicht interessierte, als sie das Werk bei YouTube sperren ließ.

Wenn die selbe GEMA dann noch fordert, dass YouTube ab jetzt Maßnahmen einführen soll, die auf verdachtslose, außergerichtliche Dauerbespitzelung der User mittels DPI hinauslaufen, dann sollte selbst einem von Besitzstandsängsten geblendeten Bildungsspießer wie Herrn Stein auffallen, dass seine Kumpels eine Überwachungsinfrastruktur bauen wollen, der auch seine Privatsphäre zum Opfer fallen wird.

Hat man in Deutschland wirklich schon vergessen, dass auch Kleinbürger der Marke "Ich habe nichts zu verbergen" von Stasi und Gestapo überwacht wurden und in deren Verhörkellern landeten? Denn eins steht fest: Ist die Überwachungsinfrastruktur einmal vorhanden, weckt sie automatisch Begehrlichkeiten bei jedem, der von den gesammelten Informationen profitieren kann. Und auch Macht ist eine Form von Profit.

Man fragt sich, ob Herr Stein später einmal seinen Enkelkindern stolz erzählen wird, dass seine kleinbürgerlichen Besitzstandsängste, und die seiner Gesinnungsgenossen, die Einführung der totalen digitalen Bespitzelung bewirkten. Wahrscheinlicher ist aber, dass er wie jene, deren Nachläufertum wir die bisherigen Bespitzelungsstaaten auf deutschem Boden verdankten, hinterher beteuert, diese Auswirkungen hätte doch niemand voraussehen können.

Ich bin deutlich älter als Herr Stein und gehöre bestimmt nicht zur kritiklos techniktrunkenen Generation Google. Trotzdem empfinde ich seine Hetztirade als greisenhaft, rückständig, unreflektiert und genauso weltfremd altbacken wie die Sujets seiner Tatorte.

Advertisements

About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
This entry was posted in Web and tagged , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Besitzstandsängste und Überwachungsstaat

  1. Gunter says:

    Wie leider sehr, sehr viele unserer Zeitgenossen, so scheint auch Herr Stein getrieben von Ängsten, die meiner Meinung nach schlichtweg beängstigendes Halbwissen zurückzuführen sind. Leider ist scheinbar auch eben diesen Menschen die Fähigkeit abhanden gekommen, Fragen zu stellen, Argumente und Positionen zu hinterfragen – und sich vielleicht dann auch von den Argumenten und Fakten überzeugen zu lassen, die dann zum Vorschein kommen.

    “Ist das wirklich so? Steckt da vielleicht mehr dahinter?” – Natürliche Neugierde, gepaart mit einem ordentlichen Schuß Skepsis erlauben, solche Fragen zu stellen, und ein wirklich beweglicher Geist kann schließlich auch mit den gefundenen Antworten umgehen. Kommen dann noch Kreativität und vielleicht die Fähigkeit, Visionen transportieren zu können, hinzu, dann, und nur dann besteht Möglichkeit, sich und andere voran zu bringen.

    Selbstzentriertheit und die Überzeugung, daß alle anderen immer falsch liegen und einem damit persönlich schaden wollen, sind gefährliche Ausganspunkte, wenn es darum geht, Sachverhalte objektiv und ergebnisoffen zu betrachten. Leider scheinen dies aber derzeit bei sehr vielen Menschen die treibenden Kräfte zu sein, und die daraus entstehende Angst macht blind. Gerade bei menschen, die für sich selbst in Anspruch nehmen, ein kreativer Kopf zu sein, ein erschreckendes Zeugnis von Armut im Geiste.

    Geistige Beweglichkeit in die Köpfe zurückzubringen, das könnte helfen. Falls es dann nicht schon zu spät ist.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s