Bedeutungslos durch Gier

Derzeit zieht unsere Regierung ernsthaft in Erwägung, ein Gesetz durchzudrücken, dass den Niedergang der Tageszeitungen beschleunigen wird.

Dubioserweise üben einige Zeitungsverleger selbst den meisten Druck auf die Regierung aus, sie möge dieses Gesetz zügig zur Verabschiedung bringen.

Die Rede ist von der Novellierung des sogenannten Leistungsschutzrechtes, die darauf abzielt, dass Zeitungsverlage und andere Nachrichtenaufbereiter bereits für einen Verweis auf einen ihrer Artikel entlohnt werden sollen.

Die verheerenden Nebenwirkungen einer solchen Regelung sind vielfältig und in letzter Konsequenz auch schädlich für jene, die jetzt lauthals danach schreien. Funktionieren würden sie nur, wenn man wichtige Regeln des Urheberrechtes außer Kraft setzt.

Zitate, wenn man sie korrekt einsetzt, sind ein wichtiger Teil jeder wissenschaftlichen und journalistischen Arbeit und deshalb auch vom Urheberrecht geregelt. Man zitiert und nennt die Quelle. Für wissenschaftliche Arbeiten gibt es dafür sogar ganz klare Formatierungsregeln.

Wenn ich z.B. in diesem Blog einen online erschienen Artikel zitiere, dann nenne ich die Herkunft des Zitates und verweise mit einem Link auf das Original. Im Falle eines nur gedruckt oder als Ebook erwerbbaren Werkes verweist man auf Titel, Autor und ISBN oder, falls es dort angebotenen wird, auf die entprechende Produktseite bei einem Onlinebuchhändler. Damit ist dem Urheberrecht Genüge getan.

Zur Zeit des nur gedruckt verbreitbaren Wortes erzielte der Autor sein Einkommen durch den Verkauf seiner Druckwerke. Urheber von in Zitaten erwähnten Werken wurden an diesem Umsatz nicht beteiligt. Heute erzielen viele Autoren ihr Einkommen aus den Werbeeinnahmen ihrer Blogs. An diesen nun wollen die Verleger zitierter Werke beteiligt werden.

Wer hier bereits eine der mannigfaltigen verfassungrechtlichen Hürden des neuen Leistungsschutzrechtes ahnt, bekommt einen Lolli. Tipp: Es hat etwas mit Gleichheit vor dem Gesetz zu tun.

Die Gier der Lemminge

Zeitungen kämpfen seit Jahren mit schwindenden Leserzahlen und rückläufigen Einnahmen aus Abonnements. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben hauptsächlich mit verändertem Konsumentenverhalten zu tun, und der Tatsache, dass unsere Zeitungsverleger das Internet und seine Auswirkungen vollkommen falsch einschätzten und eigentlich bis heute nicht begriffen haben.

Statt nun die eigene Strategie neu zu überdenken und zeitgemäße Verbreitungsmodelle zu entwickeln, setzt man lieber auf seinen Einfluss bei der Politik und versucht, ein Gesetz durchzudrücken, das alte Pfründe schützt, indem es funktionierende Gesetze aushebelt und Grundrechte in Gefahr bringt.

Lieblingsfeind dieser gierigen Lemminge ist Google und sein Aggregationsdienst Google News. Ein Dienst, der nebenbei bemerkt, seit Jahren Verluste einfährt.

Viele Internetpräsenzen von Zeitungen verdanken einen erheblichen Anteil ihrer Besucher genau diesem Dienst, der die Überschriften und eine Kurzzusammenfassung jedes gelisteten Titels darstellt. Trotzdem will man Google jetzt zur Kasse bitten und für jede Überschrift und jede Kurzzusammenfassung Tantiemen berechnen.

Wie das ausgeht, wenn man sich dazu auch noch von schlechten Anwälten beraten lässt, die den Reigen erstmal mit einer Unterlassungsverfügung eröffnen, durfte der Verband der belgischen Zeitungsverleger letztes Jahr erleben. Google befolgte die Unterlassungsverfügung verbatim und die belgischen Zeitungen verschwanden ganz einfach aus Google News und sämtlichen Suchergebnissen. Die Besucherzahlen ihrer Webseiten begaben sich in den freien Fall und haben sich bis heute nicht davon erholt.

Das gleiche droht auch den Gierschlunden aus der deutschen Zeitungslandschaft. Im Zweifelsfall wird Google den Dienst News einfach für deutsche Besucher sperren und die Verweise auf deutsche Zeitungsinhalte aus den Suchergebnissen löschen. Danach werden Verweise auf deutsche Zeitungsinhalte dort nur noch auftauchen, wenn sie als bezahlte Werbung platziert werden.

Auch in den sozialen Netzwerken und der sogenannten Blogosphäre wird sich eine deutliche Änderung des Verhaltens zeigen, die sich ebensowenig zum Vorteil der Zeitungen auswirken wird.

Auf Twitter und Facebook werden Verweise auf deutsche Zeitungsinhalte durch entsprechende Geschäftsbedingungen stark eingeschränkt werden, um die Dienste vor Schadensersatzforderungen deutscher Verleger zu schützen. Blogs werden nicht mehr auf Zeitungsartikel oder Meldungen von Nachrichtendiensten verweisen, weil die Autoren sonst unverhältnismäßige Rechtsfolgen befürchten müssten.

Soziale Netzwerke, Suchmaschinen und die Blogosphäre bilden gemeinsam die Landkarte des Internets. Wer dort nicht genannt wird, verschwindet aus dem Blickfeld der User. Den von ihrer Gier geblendeten Verlegern ist das wohl entgangen.

In Kürze zusammengefasst:
Eine ganze Branche ist gerade dabei, sich in die Bedeutungslosigkeit zu verabschieden und unsere ahnungslose Regierung marschiert mit vor Stolz geschwellter Brust voran und führt sie über die Klippe.

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About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
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