Wenn man blinde Passagiere ans Ruder lässt

Viele Branchen beklagen zu Recht den schleppenden Fortschritt bei internationalen Handelsabkommen, die dem Schutz vor Produktpiraterie dienen sollen. Die Ausarbeitung des durch die heftigen Reaktionen aus der Bevölkerung mittlerweile kurz vor dem Scheitern stehenden Anti-Counterfeiting Trade Agreement (kurz ACTA) schleppt sich nun auch schon seit mehreren Jahren dahin.

Sucht man nach den Gründen, trifft man auf eine lange Liste an Problemen, die durch die selbsternannten Wächter des Urheberrechtes verursacht wurden, denen es gelang, sich als blinde Passagiere auf das ACTA Schiff zu schleichen und die Formulierung des Abkommens in einem Maß zu beeinflussen, das ihrer ökonomischen Bedeutung nicht angemessen ist.

Niemand will Produktpiraterie. Und vor allem will niemand gefälschte Produkte, die ihren Benutzer gefährden. Warum also sind so viele Menschen gegen ACTA?

Die Schuldigen sitzen in den Chefetagen der sogenannten "Unterhaltungsindustrie", von wo aus sie eine Kampagne leiten, die sich hauptsächlich durch Selbstüberschätzung und Begriffsverdrehung auszeichnet.

Die Lüge vom Umsatzeinbruch

Wenn jemand ein gefälschtes Produkt kauft, geht dem Hersteller des Originals Umsatz verloren und der Käufer setzt sich der Gefahr aus, ein minderwertiges und vielleicht sogar gefährliches Produkt zu benutzen. Elektrogeräte und Autoersatzteile sind hier gute Beispiele, deren verheerende Auswirkungen auch ausreichend publiziert sind.

Nun kommt die "Content Industrie" daher und behauptet, ein illegaler Download entspräche ebenso einem entgangenen Verkauf, wie der unwissentlich getätigte Kauf eines gefälschten Produktes. Dazu werden noch Zahlen über verlorene Arbeitsplätze und volkswirtschaftlichen Gesamtschaden in die Diskussion geworfen, die von mehreren anerkannten Volkswirtschaftlern mittlerweile als reine Fiktion entlarvt wurden.

Buchhalterisch nachprüfbare Beweise für diese Behauptungen wurden also nie erbracht. Genausowenig wie die Behauptung belegbar ist, dass Filesharer die Filme oder Musikstücke gekauft hätten, wenn der illegale Download unmöglich wäre.

Allerdings stellt die Unterhaltungsindustrie nicht nur unbewiesene Behauptungen auf, sondern erwartet auch gleichzeitig, dass internationale Abkommen gravierende Eingriffe in Struktur und Betrieb des Internets vorsehen, die freie Rede und Innovation behindern würden.

Die zweijährige Verzögerung bei der Ausarbeitung von ACTA wurde hauptsächlich darauf verschwendet, die schlimmsten durch die "Content Industrie" eingeschleusten Giftpillen zumindest soweit zu entschärfen, dass man das Abkommen wenigstens den ahnungslosen Internet-Ausdruckern in der EU Kommission verkaufen konnte.

Jeder Junkie sieht sich als Opfer

Die wahren Opfer der Produktpiraterie sitzen in unseren herstellenden Betrieben und müssen seit Jahren zuschauen, wie ein für sie wichtiges Abkommen durch die Habgier und das süchtige Verharrungsverhalten der Rechteverwerter behindert und diskreditiert wird.

Während unser innovativer Mittelstand der wachsenden Welle immer raffinierter gefälschter Ware aus Billiglohn-Ländern ausgesetzt ist, stirbt ein Handelsabkommen nach dem anderen den schleichenden Tod durch die Giftpillen der Content Industrie, die verzweifelt versucht, ihre archaischen Geschäftsmodelle zu beschützen.

Wer sich der Innovation verschließt, stirbt. Das weiß jeder Chef eines Unternehmens, das eigene Produkte und Verfahren entwickelt.

Bei den Verantwortlichen der Rechteverwerter ist diese Einsicht aber offensichtlich noch nicht angekommen.

Film- und Musikindustrie halten verzweifelt an überkommenen Vertriebsmodellen fest, die der Realität einer global vernetzten Welt nicht mehr entsprechen. Im Zeitalter permanenter Erreichbarkeit sind Konzepte wie “Veröffentlichungsfenster” und gestaffelte Veröffentlichung untragbar geworden.

Ein Mensch mit schnellem Internetzugang und dem damit verbundenen Zugriff auf die notwendigen Informationen müsste schon extrem masochistisch veranlagt sein, um zu akzeptieren, dass er seine im amerikanischen Duty Free Shop legal erworbene DVD nicht auf seinem ebenso legal erworbenen deutschen DVD Spieler abspielen darf.

Da natürlich nur sehr wenige Menschen derartige Masochisten sind, fand man sehr schnell heraus, wie man diese technischen Barrieren umgehen konnte. Das Spiel nannte man "Chipping", denn es bestand darin, einen Prozessor (Chip) im DVD Spieler zu manipulieren und damit das sogenannte "Zoning" zu deaktivieren.

Wie antwortete Hollywood darauf? Mit teilweise hahnebüchenden Forderungen an die Politik, diese solle Gesetze schaffen, die in letzter Konsequenz dazu geführt hätten, dem Kunden die Herrschaft über seine legal erworbenen Geräte zu entziehen.

Einsicht in die Wünsche und Bedürfnisse der Kundschaft und Verständnis für die Funktionsweise eines freien Marktes sehen anders aus.

Auch die Musikindustrie hat sich nicht mit dem Ruhm besonderer Innovationsfreundlichkeit bekleckert.

Wer sich eine Playlist seiner Lieblingssongs für den Einsatz auf seinem mp3 Spieler zusammenstellen möchte, will genau jene Songs und nicht den Ballast und die Anschaffungskosten von 30 oder 40 CDs.

Musikfans sind bereit, für Musik zu bezahlen, wenn man sie ihnen so liefert, wie es zu ihrem Lebensstil passt. Jede andere Branche akzeptiert solche Wünsche ihrer Kunden und entwickelt Verfahren, um diese zu befriedigen. Schließlich weiß jeder alte Vertriebshase, dass nur zufriedene Kunden zu Stammkunden werden.

Als im Internet die ersten Portale erschienen, wo Musikfans sich Playlists nach Wunsch zusammenstellen konnten, beauftragte die Musikindustrie ihre Rechtsanwälte nicht etwa mit der Entwicklung von adäquaten Lizensierungsmodellen sondern mit der Klage gegen die Portale.

Es war, als hätte eine Brauerei ihre Kunden wegen Alkoholmißbrauchs angezeigt. Über Nacht wurden aus begeisterten Musikfans verbitterte Gegner der Musikindustrie.

Bis heute sind noch immer nicht alle Produkte der Musikindustrie über legale Downloadportale wie iTunes oder Musicload zu erhalten. Hauptsächlich weil sich die Industrie schwer tut, kundenfreundliche Lizensierungsbedingungen zu erarbeiten.

Selbst bei den erhältlichen Produkten liegt vieles noch im Argen. Hauptsächlich bei der Vergütung der Künstler. Während die Industrie den Musikern pro Download nur die niedrigen Tantiemen für einen Tonträgerverkauf zahlt, verlangt sie von den Portalen die deutlich höhere Vergütung für eine Wiederverwendungslizenz. Im Prinzip betrügt die Industrie ihre Kreativen.

Weg mit diesen Betriebsbremsen

ACTA ist nicht änderbar. Also muss es abgelehnt und durch einen von Vernunft bestimmten Vertrag ersetzt werden.

Unsere innovativen Unternehmen, und hier besonders der Mittelstand, können nicht länger auf wichtige Handelsabkommen warten, nur weil eine unaufrichtige und rückständige Industrie mit vernachlässigbarer volkswirtschaftlicher Bedeutung sich nicht von ihren übertriebenen Forderungen verabschieden mag.

Die schon lange nicht mehr unterhaltsame "Unterhaltungsindustrie" muss von den Verhandlungstischen verschwinden. Ihr Einfluss auf politische Entscheidungsträger muss auf das Maß zurückgestutzt werden, das einer Branche zusteht, die in vielen Ländern bereits lange vor dem Auftauchen von Internet und Tauschbörsen am Tropf staatlicher Fördermodelle hing.

Die Aushandlung von Handelsabkommen gehört wieder uneingeschränkt in die Hände erfahrener Unterhändler, die einen ungetrübten Blick für das Gesamtbild mitbringen. Engstirniges Besitzstandsdenken rückständiger Film-, Musik- und Verlagsmogule hat dort nichts verloren.

Nachschlag

Wie schleimig die ACTA Befürworter arbeiteten hat Glyn Moody in diesem Artikel für TechDirt einmal zusammengetragen Shining A Light On ACTA’s Lack Of Transparency.

Wer danach noch den Beteuerungen glaubt, es sei alles offen und transparent gehandhabt worden, dem ist wahrscheinlich nicht mehr zu helfen.

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About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
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