Verschlossene Gärten

Eine Studentin an der Gesamthochschule Kassel schlug letzte Woche vor, man solle doch für die bessere Vermarktung der Tourismusregion Apps einsetzen.

Der HNA war diese unausgegorene Idee einen halbseitigen Bericht wert. Was wohl auch daran liegen mag, dass die junge Dame das Töchterchen einer zahlungskräftigen Hoteliersfamilie ist, über deren PR-Maschine das wirre Sammelsurium von Modeworten wohl auf die Schreibtische der HNA Redakteure transportiert wurde.

Auch wenn man ansonsten über die Finanzlage öffentlich rechtlicher Haushalte entsetzt sein mag, darf man diesmal genau deswegen erleichtert aufatmen.

Die Mittel für Werbemaßnahmen der hiesigen Tourismusförderung sind bis inklusive 2012 ausgeschöpft. Wir bleiben also vor einem hektischen Schnellschuß bewahrt.

Versteckt in einem Nebensatz der Stellungnahme des Tourismusförderers Klaus Dieter Brandstetter wird dann schließlich noch die wahre Schwäche des Vorschlags angesprochen:

Apps sind von Gestern

Das Web hat sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts rasant weiterentwickelt. Auch wenn man es der Mehrzahl der mit öffentlichen Geldern finanzierten, deutschen Websites bisher nicht anmerkt.

Dank der schnell fortschreitenden Implementierung des zukünftigen HTML5 Standards, der 3. Generation der Formattierungssprache CSS und der immer schneller werdenden Javascript Engines in unseren Browsern, kann eine Website bereits heute problemlos die Funktion einer App simulieren.

Im Gegensatz zu einer App kann eine modern programmierte Website dazu noch plattformübergreifend iPhone, iPad, Telefone und Tablets auf Basis von Android und Windows Phone 7 , sowie die immer noch mehrheitlich verwendeten Feature Phones mit geringer Prozessorleistung bedienen.

Nicht nur spart man sich so den Ärger mit den Zulassungsbestimmungen der sogenannten "Marktplätze" für Apps, wie z.B. dem Apple App Store, sondern man leistet auch gleichzeitig einen innovativen Beitrag zur Weiterentwicklung eines offenen "Webs der Dinge".

Der kleine Haken – Umdenken erforderlich!

Die Browser in sogenannten Feature Phones, den etwas "dümmeren" Cousins der Smartphones, sind extrem pingelig, da sie aus technischen Gründen die sehr strengen Regeln eines XML-Parsers anwenden müssen.

Solche Software leistet also die von den klassischen Browsern durchgeführten "Reparaturen im Vorübergehen", auf die unsere Agentursklaven sich so gerne verlassen, aus Prinzip nicht.

Das typisch deutsche Schlamper-HTML im Agenturprodukt Baujahr 1998, wie es auf vielen Webseiten im Kreis immer noch im Einsatz ist, fällt auf solchen Geräten flach auf die Nase. Es wird einfach nicht dargestellt.

Wer erfolgreich für das mobile Internet arbeiten will, muss also umdenken und sich von den gängigen Mythen in den Großraumbüros der deutschen Agenturen lösen.

"Der Browser stellt es doch sowieso irgendwie dar" trifft in der mobilen Welt nicht mehr zu.

Offenheit und Innovation

Apps bedienen ummauerte, verschlossene Gärten und müssen für jede Plattform teilweise erheblich abgeändert werden, um dem dortigen Betriebssystem zu genügen.

Selbst wenn man nur Apple, Android und Windows Phone 7 bedienen wollte, müsste man bereits sechs verschiedene Apps schreiben und über die entsprechenden Marktplätze vertreiben.

Jawohl, sechs. Denn iPhone und iPad sind, obwohl beide von Apple produziert werden, nicht voll miteinander kompatibel, und auch Android und WP7 stellen für Tablets und Telefone unterschiedliche Anforderungen.

Eine sauber codierte Website bedient dagegen das gesamte mobile Web der Dinge und leistet damit einen innovativen Beitrag zum offenen Fluss der Informationen.

Unser Land hat seinen Ruf in der Welt auf die Innovationskraft seiner Unternehmen aufgebaut. Es ist an der Zeit, dass auch die Internetwirtschaft dieses Landes sich auf diese Tugenden besinnt.

Zur Zeit hinken wir allerdings hoffnungslos hinter dem Rest des Webs her, weil man in deutschen Neue Medien Agenturen und Softwarehäusern wohl glaubt, dass verstaubte Schubladenlösungen aus den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer noch zeitgemäße Technologie seien.

Es muss also bestimmt und möglichst bald vieles geändert und aktualisiert werden. Dabei darf man aber nicht versäumen, Schlüssigkeit und Zukunftsfähigkeit der Entscheidungen zu prüfen.

Innovation erreicht man nämlich bestimmt nicht durch das Nachplappern von Marketing-Jargon und Modeworten.

Advertisements

About dozykraut

Proud member of Hillbilly's on Linux, promoting open source redneckism in remote parts of the Milky Way.
This entry was posted in Web and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s